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Entwicklungstrauma erkennen

Trauma - was ist das ?

Was ist ein Trauma - was ist traumatisch?

Was bedeutet Trauma? Wo auch immer wir derzeit hinblicken, scheint plötzlich das Wort »Trauma« aufzutauchen. Überschriften wie »Auflösung von Trauma« und »Folgen von Missbrauch« erscheinen sowohl in den Schlagzeilen von Illustrierten als auch in Fachzeitschriften. Beliebte Fernsehserien versuchen Millionen von Zuschauern verständlich zu machen, dass ein Trauma auf Körper, Geist und Seele wie eine Fessel wirkt.

Es wird allgemein bekannter, welch einen verheerenden Einfluss ein Trauma auf das emotionale und körperliche Wohlbefinden vor allem von Kindern sowie auf die Entwicklung ihrer kognitiven Fähigkeiten und ihres Verhaltens haben kann. Ein junges Gehirn ist anfälliger für die Auswirkungen eines Traumas. Das entwickelnde Nervensystem hat traumatische Erinnerungen und kann ein Trauma nicht gleich (schnell) verarbeiten oder abspeichern wie das Gehirn eines Erwachsenen. 

Traumata sind psychische Belastungen, die durch schwere Ereignisse ausgelöst werden, wie beispielsweise Verluste (Trennungen), jede Form von Gewalterfahrung, Unfälle (unabhängig vom Schweregrad), Diagnose und Behandlung von schwerer Krankheit, Miterleben von Gewalt, Unfällen, Krankheiten, Naturkatastrophen, Krieg, Flucht, soziale Ausnahmezustände, emotionale Verletzungen. Jede Form von Vernachlässigung im Kindesalter. 

Man unterscheidet in zwei Kategorien: einmalige kurzfristige und mehrfache langfristige Traumata. Was als traumatisch erlebt wird, hängt von individuellen Faktoren in Relation zum jeweiligen Ereignis ab. 

Jeder von uns hat Trauma erfahren. Das Spektrum ist riesig und somit auch die Ausprägung. Traumatische Erfahrungen resultieren aber nicht automatisch in einer Traumafolgestörung. Trauma ist im Nervensystem quasi eingefroren und kann nur ganzheitlich betrachtet werden. 

Was geschieht im Körper bei einem Trauma? 

Ein Trauma ist eine extreme Belastung für den Körper. Normalerweise ist Stress eine nützliche Reaktion, da er dafür sorgt, dass Adrenalin ausgeschüttet wird. Dies war früher für unsere Vorfahren sehr wichtig, um schnell fliehen oder kämpfen zu können, wenn Gefahr drohte. Doch die meisten von uns sind heutzutage nicht mehr diesen Situationen ausgesetzt. Stress entsteht dennoch immer noch, zum Beispiel bei beruflichen Herausforderungen oder bei Konflikten mit dem Partner. Aber auch, wenn man eine Situation erlebt, die einen körperlich oder seelisch stark belastet.

Ein solch extremer und anhaltender Stress kann jedoch sehr schädlich für den Körper sein. Das Stress-Verarbeitungssystem ist überfordert und es können sogenannte peritraumatische Symptome auftreten, wie zum Beispiel das Durchleben der Situation immer wieder, Albträume und Dauerbereitschaft. Auch Angst kann sich ausbreiten und einen erstarren lassen. Ein stark traumatisierter Mensch hat ein ständiges Gefühl von getrieben sein, strebt womöglich nach Perfektion und Leistung oder lehnt den eigenen Körper ab.

Wie ein Trauma dein Gehirn beeinflussen kann

Der Präfrontale Cortex hilft uns, unsere Emotionen zu verarbeiten, Gefahren einzuschätzen, Impulse zu kontrollieren und rationales Denken zu steuern. Durch Traumata kann die Fähigkeit, Emotionen zu kontrollieren und zu steuern, beeinträchtigt werden.

Der Hippocampus ist für unsere Erinnerungen verantwortlich. Durch Traumata kann die Fähigkeit verloren gehen, alte Erinnerungen von aktuellen Ereignissen zu unterscheiden. Hierdurch werden Gefahren hinter jeder Ecke gesehen und Flashbacks ausgelöst.

Die Amygdala oder auch Angstzentrum, hilft uns, durch die Ausschüttung von Stresshormonen, uns in Sicherheit zu bringen und Gefahren zu vermeiden. Durch Traumata kann es aber zu einer ständigen Alarmbereitschaft und einem enormen Stresserleben führen.  

12 Symptome bei komplexem Trauma

Wenn einige Faktoren in der Kindheit zutrafen, dann können folgende Merkmale im Jugend- oder Erwachsenenalter auf Entwicklungstrauma hinweisen:

  • Das Gefühl des Alleinseins und das Gefühl von Leere 
  • Hilflosigkeit und toxische Scham
  • Dissoziation sowie mangelndes Selbstwertgefühl
  • Anhaltende Traurigkeit bis hin zu Selbstmordgedanken
  • Wiederholte Suche nach einem Retter
  • Verlust des Glaubens, Angst vor der Zukunft 
  • Zutiefst verletztes inneres Kind
  • beständiges Stress- und Anspannungserleben (Panzerung der Muskeln)
  • Probleme bei der Emotionsregulierung und Überforderung des Nervensystems
  • Tiefe Angst, Menschen zu vertrauen
  • Hypervigilanz gegenüber Menschen und Hochsensibilität
  • Emotionale Flashbacks, die unkontrolliert heraus brechen können

Wie erkennt man, ob jemand unter einem seelischen Trauma leidet?

Jeder Mensch erfährt gelegentlich belastende Erfahrungen, die nicht immer direkt von den Ereignissen selbst abhängen, sondern von der Art und Weise, wie wir damit umgehen. Jeder reagiert unterschiedlich auf bestimmte Situationen.

Belastende Ereignisse lösen unangenehme Gedanken und damit verknüpfte Emotionen in uns aus, die sich auch auf körperlicher Ebene zum Ausdruck bringen. Häufige Anzeichen sind z.B. innere Unruhe, Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten und Traurigkeit. In vielen Fällen klingen diese Symptome innerhalb weniger Tage oder Wochen ab, wenn das Erlebte gut verarbeitet wird.

Eine Möglichkeit, herauszufinden, ob man tatsächlich ein Trauma erlitten hat, besteht darin, die Symptome zu beobachten die neu und vermehrt aufkommen: Wenn man sich hilflos fühlt und Schutz sucht, Ängste oder Panikattacken hat, die man vorher nicht kannte, sich verwirrt fühlt, - womöglich sieht man alles durch die Linse der Bedrohung, fühlt sich vernachlässigt oder gar ausgegrenzt - oder die Worte und Absichten anderer werden immer falsch interpretiert, so dass Beziehungsstress, Zwietracht, Konflikte entstehen. All das kann darauf hindeuten, dass man ein Trauma erlitten hat. Dies ist jedoch kein definitives Anzeichen. Denn eine Erschöpfungsdepression, ein Burnout oder auch eine Trauer, haben ähnliche Symptome. 

Störungen haben jedoch immer Vorrang. Das bedeutet, wir dürfen dafür Sorge tragen, dass aufkommende Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse dann einen Raum finden, wenn es für uns von Bedeutung ist. Damit ist gemeint, sich nicht gegen andere Menschen zu stellen welche uns triggern, sondern regelmässige Kommunikationsräume zu öffnen, um einen Ort der gegenseitigen Begegnung und des miteinander Sichtbar Werdens, zu schaffen.

Trauma ist im Nervensystem quasi eingefroren und kann nur ganzheitlich betrachtet werden.
Unser Körper muss mit einbezogen werden, damit Erlebnisse und Gefühle integriert werden können.
Verstehen und reflektieren alleine reichen nicht.

Wenn Trauma die Kontrolle übernimmt und Erinnerungen zurückkehren

Die Bruchstücke, die durch dein Gehirn schwirren, können plötzlich wieder in Form von Flashbacks in dein Bewusstsein dringen. Sie können dich in Form von Albträumen heimsuchen oder dich unerwartet mitten am Tag überfallen. Sie können dich nervös machen, dir den Schlaf rauben und Angst einjagen.

Einerseits fühlst du dich dazu veranlasst, über das Erlebte zu sprechen und es endlich zu verarbeiten. Doch andererseits möchtest du am liebsten das Ereignis verdrängen. Du versuchst alles zu vermeiden, was an das Trauma erinnert. Es ist verständlich, dass du dich vor der Überwältigung der Erinnerungen schützen möchtest. Doch auf lange Sicht ist das keine Lösung.

Ein Flashback kann schnell ausser Kontrolle geraten und in einer vollständigen emotionalen und körperlichen Überwältigung resultieren, die dich für Stunden oder sogar Tage in Griff hält. Dies ist eine automatische Reaktion unseres Nervensystems auf ein belastendes Ereignis.

Eine Überwältigung kann sich durch Symptome wie Niedergeschlagenheit, Angst, Erstarrung, Verzweiflung, Überaktivität oder Rückzug äussern. Körperliche Symptome wie Herzklopfen, Schwitzen und Zittern können auch auftreten. 

Woran erkenne ich ein Entwicklungstrauma?

Beim Entwicklungstrauma handelt es sich um ein sequentielles und häufig komplexes Trauma, dass sich aus mehrfach wiederkehrenden traumatischen oder zumindest stark stressbehafteten Ereignissen zusammensetzt, die längerfristig im Verlauf der Kindheit und Jugend auf ein Individuum Einfluss genommen hat. 

Der Begriff Bindungstrauma wird häufig synonym verwendet. 

Die Wahrscheinlichkeit von Entwicklungstrauma betroffen zu sein, steigt z.B. bei folgenden Faktoren, denen man in früher Kindheit ausgesetzt ist:

  • emotional oder physisch abwesende Bezugspersonen
  • psychische Erkrankung eines oder beider Elternteile
  • Verlust eines Elternteils z.B. durch (frühe) Trennung
  • ständig wechselnde Wohnorte 
  • Aufwachsen in Armut

Die Liste ist keinesfalls als vollständig zu betrachten. 

Anzeichen von Entwicklungstrauma

Entwicklungstrauma findet seinen Ausdruck häufig auf der Beziehungsebene und kann sich dort wie folgt zeigen:

  • Verlustangst und emotionale Abhängigkeit 
  • Eifersucht und Klammern oder Beziehungsvermeidung
  • sich selbst immer "aussen vor" erleben, Alien Gefühl 
  • ständiges Drama in allen Formen von Beziehung
  • "People Pleasing", Selbstaufopferung, Helfersyndrom

Die beschriebenen Anzeichen können auf ein Entwicklungstrauma hinweisen, sind aber keine Indikatoren für ein garantiertes Bestehen. Dafür braucht es auch professionelle Unterstützung, solltest du auf die Idee kommen, dass du mehrere Faktoren und Merkmale an dir selbst feststellst. 

Kann ein Trauma geheilt werden?

In den meisten Fällen ist es möglich, ein Trauma zu überwinden. Einige Menschen benötigen lediglich Unterstützung durch Freunde, Familie oder eine Beratungsstelle. Andere brauchen eine intensivere, prozess- und körperzentrierte Therapie, um die Erfahrungen zu verarbeiten. 

Es ist jedenfalls nicht möglich, eine definitive Aussage darüber zu machen, ob ein tief sitzendes Trauma geheilt werden kann oder wie lange es dauert. Es gibt meiner Meinung nach, zu viele Faktoren, die eine Rolle spielen. Wichtig ist, wie tief das Trauma verwurzelt ist und wie der aktuelle psychische Zustand ist. Kann man offen über die auslösenden Ereignisse sprechen und sie verarbeiten oder ist es schwierig, sich mit den Ereignissen auseinandersetzen? Verursacht das Thema Panik oder kann man es mit Distanz betrachten? 

Ein unverarbeitetes Trauma kann dich unerwartet überwältigen und es dir immer wieder schwer machen, damit umzugehen. Die Verarbeitung braucht Zeit und jede/r sollte sich diese Zeit nehmen.

Wenn die Beschwerden anhalten

Es kann vorkommen, dass die Symptome, die nach einem belastenden Erlebnis auftreten, lange anhalten, auch wenn das Ereignis selbst schon längst vorbei ist. Vergangenes können wir nicht ungeschehen machen. Sie bleiben ein Teil von uns. In diesem Fall kann es zu einem dauerhaften Gefühl der Anspannung, Bedrohung und Schreckhaftigkeit kommen. Insbesondere wenn es sich bei dem Erlebten um körperliche, sexuelle oder emotionale Übergriffe handelt, hält ein seelisches Trauma oft lange Zeit an.

Ein wichtiger Aspekt bei der Heilung eines Traumas ist es, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen, um die Erfahrungen zu verarbeiten und einen sicheren Rahmen für die komplexe Situation zu bieten, in der die traumatisierte Person sich befindet. Man erlangt die Kontrolle über Erinnerungen, die einem ungewollt erfassen und kann so die Lebensqualität deutlich verbessern. Begleitende Symptome wie Depressionen, Panikattacken, Angst-, Zwangs-, Schlafstörungen und Konzentrationsprobleme werden gelindert. Letztendlich wird die psychische Gesundheit umfassend wiederhergestellt. 

Ein stationärer Aufenthalt in einer spezialisierten Klinik sollte in Betracht gezogen werden, wenn das Trauma so tief sitzt, dass es kaum auszuhalten ist und es zu schweren Depressionen oder sogar Suizidgedanken kommt.

Welche Folgen kann ein Trauma mit sich bringen? 

Es gibt verschiedene Auswirkungen, die von emotionaler Belastung herrühren können. Ein Trauma kann man in der Regel schrittweise überwinden und muss nicht unbedingt mit langfristigen Konsequenzen rechnen. Allerdings gibt es die Möglichkeit, dass man eine sogenannte Trauma-Nachwirkung entwickelt. 

Eine der häufigsten Folgen ist die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Dabei durchlebt man die Situation immer wieder und möchte sie vermeiden, während man sich gleichzeitig ständig bedroht fühlt. Unser autonomes Nervensystem blockiert unbewusst das, was wir uns sehnlichst wünschen. Die Kontrolle zu bewahren, ist einfacher, als unsere Innere Überzeugung zu verändern und Raum für Neues zu schaffen. 

Kindliche Traumata hinterlassen demnach lebenslange Spuren im seelischen und auch körperlichen Bereich. In welchem Ausmass lang andauernde Folgen auftreten, ist abhängig vom Stand der Entwicklung des Kindes bei der Traumatisierung, seinen bisherigen Entwicklungsbedingungen sowie seiner Konstitution und genetischen Ausstattung. Darüber hinaus spielen die Ressourcen, die Bedingungen in der sozialen Umwelt und die Existenz von Vertrauenspersonen eine wichtige Rolle, da sie als Resilienzfaktoren, also als Faktoren, die die Widerstandsfähigkeit eines Kindes unterstützen, wirken können. Nach einem Trauma frühzeitig interventiv tätig zu werden, ist in Anbetracht der schwerwiegenden Folgeerkrankungen demnach von besonderer Bedeutung.

Ein Trauma ist nicht nur das, was einem selbst passiert ist.
Es ist auch das, was einem nicht passiert ist. Es ist die Betreuung, die du nie bekommen hast.
Es ist der Schutz, den du nicht erhalten hast, als ihn am meisten gebraucht hast.

Dr. Gabor Maté

Selbstreflexion 

Um Trauma heilen zu können, ist es unerlässlich, die auslösenden Erfahrungen zu verarbeiten und sich von der emotionalen Last zu befreien. Dies geht nur wenn wir neue, positive und lebensbejahende Erfahrungen machen, um die Alten zu überschreiben. Das Wissen um die eigenen Muster, Verhaltensweisen und Überzeugungen kann unglaublich hilfreich bei der Einnahme einer neutralen Beobachterposition in Konfliktsituationen sein. 

Die Traumaexpertin Natalia Rachel, sagt: "Wenn wir aufhören, die Traumaarbeit in die Grenzen der Therapiezimmer zu drängen, begrüssen wir sie als einen Akt der Veränderung". Heilung muss nicht nur hinter verschlossenen Türen stattfinden. Türen, die abgeschottet von der Welt sind. Heilung muss innerhalb der Beziehungsmatrix unserer Welt geschehen. Es geht um systemische Integration. 

Heilung ist somit eine soziale Aufgabe, eine kulturelle Aufgabe und eine Aufgabe der Generationen.

Sie beginnt dann, wenn wir die Kraft der Beziehungen und der Gemeinschaft für die Heilung nutzen. Denn hinter jedem ungesunden oder respektlosen Verhalten steht ein unbefriedigtes emotionales Bedürfnis, dass zuerst erkannt und dann anerkannt werden darf. 

Heilung geschieht, wenn wir nicht mehr allein sind, verwirrt oder verängstigt sind. 

Trauma ist ein gemeinsames, menschliches Thema. Beziehungen sind das Heilmittel. 

Ich wünsche mir, dass dies verstanden wird, nicht nur innerhalb eines Familiensystems, sondern auch in Schulen, Vereinen und in Unternehmungen.

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